Posts mit dem Label Daniel Craig werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Daniel Craig werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 15. November 2010

Raging Bull



Der zweite Craig-Bond hatte eine äußerst heikle Aufgabe: „Casino Royale“, der als politisch konnotierter, alles in allem fabelhafter Neuanfang der schwer angeschlagenen Bond-Reihe neue Maßstäbe im Actionkino gesetzt hatte, zu übertreffen, oder zumindest (ansatzweise) an die Klasse des hoch gelobten Vorgängers heranzureichen. Damit das bis dahin erfolgreichste filmische Abenteuer des smarten britischen Doppelnullagenten auch finanziell wieder einigen Erfolg zu vermerken hatte, setzte man auf ein ähnliches Konzept: Als Fortsetzung sollte „Quantum of Solace“ fungieren, als eine, die den in diesem Sinne extrem konsequenten ersten Teil adäquat weitererzählen musste. James Bond, der den tragischen Suizid seiner Geliebten Vesper Lynd selbst mit ansehen musste und nicht verhindern konnte, macht sich auf, die Hintermänner des doppelbödigen, weitreichenden Komplotts aufzuspüren und ihn altbekannter Marnier zu beseitigen. Mehr persönlicher Konflikt und emotionale Beziehung zum vermeintlichen „Auftrag“ in eigener Sache also als patriotische Dienstleistung – eine Ausgangslage, die schon bei „Casino Royale“ bestens aufgegangen war und sein begeistertes Publikum gefunden hatte. Und eben selbstverständlich wieder mit Daniel Craig, der Bond als perfekt abgestimmte und gelungen vorgetragene Mischung aus eiskaltem Killer und mitfühlendem, „normalen“ Menschen spielte.

Und trotzdem wurde bei „Quantum of Solace“ einiges geändert: Nicht nur, dass mit Marc Foster – welcher mit „Finding Neverland“ bereits überzeugt hatte und mit „The Kite Runner“ die Kritiker schwärmen ließ – ein neuer, verhältnismäßig junger Regisseur an Land gezogen wurde, sondern ebenfalls, dass der Fokus diesmal doch mehr auf der gequälten und deshalb ausufernden Seele liegen sollte. Schließlich ist der kurze, aber glückliche Ausstieg aus dem gewöhnlichen Agentenleben vorbei und Vesper tot – und Bond kann das nicht begreifen, möchte herausfinden, wer dahinter steckt und sie zu dieser grauenvollen Tat hatte zwingen können. Über eine enorm kurze Laufzeit streckt sich das 22. Leinwandabenteuer und setzt erneut auf das, was auch den Vorgänger so außergewöhnlich innerhalb der Bond-Reihe erscheinen ließ: Mitgefühl. Endlich versteht man Bond, man kann mitfühlen und ihn nachvollziehen, wenn er voller Wut über manche Regeln hinweg sieht und Gegner im Affekt tötet, anstatt hilfreiche Informationen aus ihnen heraus zu locken. Das wiederum mag von logischer Sichtweise fragwürdig sein – in das filmische Konzept des neuen Bonds passt es aber allemal. Ein einziger Rachefeldzug ist „Quantum of Solace“ und funktioniert als solcher bestens. Schließlich hegt der Zuschauer stets Sympathien für den, der sich etwa aus Liebe oder anderen edlen Motiven gegen die strengen Regeln eines in dieser Hinsicht unsympathischen Arbeitgebers stellt.




Diesmal geht es für Bond gegen die dubiose Organisation Quantum, die von Dominic Greene geführt wird. Und ebenso wie in „Casino Royale“ stellt der Bösewicht einen geschickten, intelligenten, sogar schon charismatischen Terroristen dar, der nicht über die ehemals übliche Weltbeherrscherfantasie agiert, sondern sich einem korrupten Handel mit dem General Modrena verschrieben hat, der ihm eigentlich wertlose Stücke der bolivianischen Wüste einbringen soll. Doch unter diesem scheinbar nutzlosen Landschaftsteil verbirgt sich das, nach dem Greene giert, das ihm Millionen in die Tasche spülen könnte: Ungeahnte Wasservorräte, und das extrem weit gestreckt. Für Bond hingegen gilt es erst einmal, sich durch dutzende Handlanger hin durch zu schlagen und sich von unten nach oben zu karren, da er am Amfang vor einem undurchschaubaren Labyrinth an Fragen und Ungeklärtheiten steht und nicht im Geringsten weiß, mit wem er es da überhaupt zu tun hat. Denn der Terror hat sich weiter entwickelt und seine Handlanger jetzt selbst schon im doch so sicheren MI6, was dieser schmerzlich erfahren muss. Und Mr. White, der am Anfang nach einer atemberaubenden Actionsequenz zum Verhör gebracht wird, lacht darüber nur höhnisch, weil er weiß, dass Bond, selbst wenn er einen Teilerfolg erringt, eigentlich keine Chance gegen die weltweit operierenden Netze hat.


Die Story kann also mal wieder allegorisch gewertet werden: Der hilflose Agent gegen den übermächtigen Gegner, der aus dem Untergrund heraus agiert und sich seinen Weg an die Spitze frei gräbt. Insgesamt mangelt es „Quantum of Solace“ sowieso nicht an Intelligenz: Foster verpackt sein furios inszeniertes und dynamisch geschnittenes Bondabenteuer in eine interessante Geschichte um Lüge und Verrat, Rache und Trauer – und es gelingt ihm somit, den Zuschauer erneut in den Bann des Films zu ziehen. Dieser ist zwar im Actionkino immer noch im oberen Mittelfeld positioniert, schafft es aber doch nicht, den in allen Belangen überragenden Vorgänger zu übertrumpfen. Das liegt einerseits an dem nicht ganz so genialen Bösewicht, der es nie wirklich schafft, Le Chiffre im indirekten Zweikampf zu besiegen – und das, obwohl sich Mathieu Amalric sichtlich große Mühe gibt, um einem Bond würdig zu sein -, anderseits wiederum an den Actionszenen, die zwar mit extremem Lärm präsentiert werden, jedoch keine solch atemberaubende Geschwindigkeit aufweisen, wie es bei „Casino Royale“ der Fall war. Die Autoverfolgungsjagd am Anfang des Films ist dabei noch das Beste: Krachend, scheppernd und hastig geschnitten donnert Bond mit einem bald fast vollends zerstörten Aston Martin über die Leinwand und hinterlässt dabei einen ganz und gar fabelhaften Eindruck – einen, der nie wieder erreicht werden kann.




Denn spätestens mit der etwas pathetischen und unnötig wirkenden Sequenz in der Wüste verliert der 22. Bond seinen Reiz. Obwohl Foster eine ausgezeichnete – und vielleicht sogar auch den Vorgänger übertreffende – Regie abliefert, wirkt „Quantum of Solace“ zu gewollt, um wirklich als gelungen zu gelten. Er* stellt den Bildwert teilweise über den Storyinhalt und vernachlässigt seine anfangs packende, später ins Leere laufende Geschichte. Quasi gehandicapt, den Vorgänger nicht übertreffen zu können, schafft es Foster aber auch nicht, einen eigenständigen Actionfilm zu inszenieren. Wie ein sehr kleiner Bruder, der immer bettelnd zum Vorbild aufschaut, wirkt „Quantum of Solace“ in manchen Szenen. Zwar ist Bond nicht mehr wirklich Bond – aber unter Fosters Regie verliert er auch vieles weitere, das an ihm interessant wirken könnte. Die Bondgirls hätte man glatt weglassen können, so unnötig und links liegen gelassen wirken Atterton und Kurylenko, und so manche Einstellung zieht sich ebenfalls dumm in die Länge. Mit 103 Minuten fällt Craigs zweiter Bondfilm also nicht nur extrem kurz, sondern vor allem auch halbgar aus. Klug gemacht ist das durchaus, aber eben nicht wirklich überzeugend. Möge Mr. Bond seine kleine Krise also auskurieren und genesen wieder zum Dienst antreten.

* Dank an Whoknows' Best

Freitag, 12. November 2010

Die Leiden des jungen Bonds



Bond ist nicht Bond. Nicht mehr. Er tritt nicht mehr lächelnd gegen idiotische Weltherrscher an, sondern bekommt selbst die Verfrachtung in die Terrorproblematik des 21. Jahrhunderts am eigenen Leib zu spüren. Und das war auch zwingend nötig. Nachdem man künstlerisch am absoluten Tiefpunkt angekommen war und mit „Die Another Day“ nicht nur den schlechtesten Bond überhaupt, sondern auch einen in allen Belangen unglaublichen miesen Film abgeliefert hatte. Wie alle anderen großen Charakter der Weltfilmgeschichte hatte auch der smarte Agent im Dienste ihrer Majestät eine Wandlung durch gemacht: Mit Brosnan kam der zumindest teilweise erkennbare Schritt hin zum halbwegs ernst zu nehmenden Gegner – der später im neuen Jahrtausend wieder ad absurdum geführt wurde. James Bond hatte alle seine Gegner bezwungen – und war am Ende. Die Werke machten keinen Spaß, bestanden aus purer Belanglosigkeit und nervten gewaltig. Die Action war hahnebüchen und das, was die eigentlich auch lächerlichen Filme um Connery und Moore ausgemacht hatte, war den Brosnan-Bonds genommen worden: Der Humor. Zwar witzelte man immer noch – aber das hatte keinen Stil. Bond war entschlackt worden, indem man ihn zu ultracoolen Machosau machte. Die ersten Filme hatten sich darüber stets amüsiert. Nicht so bei Brosnan.

Man verlangte also nach einem würdigen Nachfolger. Mehr noch: Nach einer würdigen Neudefinition, die all den Schund abstreift und sich ganz auf den neuen Fokus konzentriert – die Welt des Terrors. Auf die kalte, unbarmherzige Welt, die unberechenbar zuschlagen kann und längst in hohen Kreisen involviert. Auf die unsichtbare Macht, die im Stillen operiert und nicht mit kitschbuntem Waffenarsenal in der Hand die großen Taten in die Welt hinausposaunt. Und mit der Änderung des Szenarios musste automatisch als Konsequenz ein neuer Hauptdarsteller, ein neuer Regisseur, ein gänzlich neues Team zusammengestellt werden. Man hätte es „Casino Royale“ nicht abgenommen, Brosnan urplötzlich in eine so schwer bekämpfbare zu stecken und ihn als zynischen einzigen in einer großen Masse und nicht alleinigen Starken in einer großen Masse dastehen zu lassen. Also musste ein neuer Bond gewählt werden. Clive Owen schien wie dafür gemacht; Cool, britisch, braunhaarig. Daniel Craig weniger. Als Weichei tituliert und noch dazu blond – schwer sollte es für ihn werden, die Kritiker und vor allem die Fans zu überzeugen, die zu der grundsätzlichen Ablehnung noch grobe Polemik hinzumischten und es Craig somit besonders hart machten.




Und jetzt? Bond ist endgültig in der wirklichen Welt angelangt. Mads Mikkelsen ist kein lächerlicher Irrer, sondern ein intelligenter, hochgefährlicher und verbrecherischer Börsenspekulant, der dringend Geld benötigt – und dies bei einem Pokerturnier in Montenegro wieder erspielen will. Bond muss das selbstverständlich verhindern und wird aufgerufen, ebenfalls anzutreten. Zuvor jedoch wird gezeigt, wie er sich seine Doppelnull erst verdiente und grobe Fehler begeht, was ihn zu einem greifbaren Charakter macht, der viel mehr ist als das aalglatte Arschoch. Bond darf eintauchen in eine Welt, die zwar exotische Abenteuer durchaus bietet, aber dann doch wieder eiskalt auf die nüchterne Realität verweist. Die besteht nämlich nicht nur aus hübschen Frauen – die später brutal gefoltert und getötet aufgefunden werden -, sondern aus der Unberechenbarkeit. Nett ist dieser Aspekt allemal – da das Pokerturnier dafür sinnbildlich gewertet werden kann. Eine Reise ins Ungewisse ist diese 21. Bondmission also, in welcher der richtige Terror mit dem Ende erst richtig los geht. Ein Terror, der brutal aufzeigt, mit was der James Bond heutzutage zu kämpfen hat. Das Verbrechen kennt keine Grenzen mehr – und Bond wird das noch schmerzlich am eigenen Körper erfahren müssen.

Denn wenn der Schlag in das Gesicht erst einmal kommt, gibt es schon kein Zurück mehr. Vesper Lynd ist eine ambivalente Figur, die von Eva Green so wunderbar gespielt wird, und die das Trauma Bonds beginnen lässt. Die Doppelbödigkeit dieser Welt wird dem Agenten so urplötzlich vor Augen geführt, dass er gar nicht anders kann, als weinend und wütend liegen gelassen zu werden. Mit einem Mal kippt die ungemütliche Welt, und aus der potenziellen Bedrohung wird eine persönliche Katastrophe – der Terror kann auch Menschen zerstören. „Casino Royale“ jedenfalls führt dem Zuschauer das gnadenlos vor Augen, ohne je in dümmliche Paranoia zu verfallen. Der erste Craig-Bond ist neben „The Dark Knight“ einer der wenigen Actionfilme, die über die Dimension der Unterhaltung hinweg schreiten – und politische Zusammenhänge so brillant mit der Story verwebt erst dem aufmerksamen Zuschauer offenbaren. Wie es Martin Campbell gelingt, sein formidables Schauspielerensemble durch ein virtuos inszeniertes Schlachtfeld in einer unkontrollierbaren Welt zu schicken, ist schlichtweg brillant. „Casino Royale“ wagt den eigentlich nicht unbedingt dringend notwendigen Schritt und zeigt so seine ganze Klasse, suggeriert Spannung durch die stetige Angst, die seit dem 11. September existiert und versteht sich trotzdem als Bond-Film.




Und der lebt nun mal von seiner Action. Die oft erwähnte Jump-'n'-Run-Szene am Anfang ist nicht nur fantastisch, sondern ebenfalls eine Bildmetapher: Der Terror erscheint viel leichtfüßiger als die mit schweren Schritten trampelnden Exekutive. Und am Ende gibt es zwar einen Teilerfolg – aber nur Schweigen, das nicht weiterhilft und den zwar in diesem Fall siegreichen Bond fragend zurück lässt. Auch die anderen Szenen erfüllen ihren Zweck, sind gefüllt mit Krach und Bombast, schnell und druckvoll geschnitten. Hierzu gehört sicherlich auch die bereits prämierte Autoverfolgungsjagd, in der Bond von Angst und Wut getrieben durch die Nacht eilt, sich aber schließlich geschlagen geben muss, um seine Geliebte nicht zu überfahren. Und genau hier stellt man fest, dass „Casino Royale“ nicht nur gut, sondern ganz großes Kino ist. Bond ist nichts weiter als ein kleiner heißer Tropfen auf dem heißen Stein, der überall hetzt und scheinbar doch nichts erreichen kann. Zutiefst tragisch ist das, insbesondere, wenn man die grandiose Folterszene mit einbezieht, aber eben auch nötig. Daniel Craig spielt Bond zwar teilweise etwas steif, aber doch eigentlich stets so, dass man das, was er fühlt und denkt, genau vermittelt bekommt. Und weil James Bond endlich auch eine einsame, geplagte Seele ist, leidet man mit ihm, kann ihn nachvollziehen. Das, was der Reihe immer gefehlt hat, besitzt „Casino Royale“: Etwas, an dem man sich festhalten kann.

Jetzt allerdings könnte man wieder mit der Aussage kommen, Bond sei doch sowieso eher komödiantisch gewesen. Wenn man dem aber entgegen hält, dass Bond doch immer Bilder der realen Welt reflektierte – beispielsweise den ewigen Konflikt der USA mit Russland -, so muss man „Casino Royale“ attestieren, mit der Verfrachtung der Materie in das Post-9/11-Trauma alles richtig gemacht zu haben. Ein Unterhaltungsfilm ist das selbstverständlich immer noch. Wenn das nicht der Fall wäre, dann wäre Bond kein guter Bond. Was aber am Wichtigsten ist: „Casino Royale“ würde man ohne den deutschen Zusatz „James Bonds 007“, ohne bekannte Namen und sonstiges dieser Art gar nicht als Bondfilm zu erkennen sein – und genau das ist die große Stärke dieses Werkes.